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Bewusstseinsstrom
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Bewusstseinsstrom (englisch stream of consciousness) bezeichnet die ungeregelte Folge von Bewusstseinsinhalten. In der Literaturwissenschaft ist damit eine Erzähltechnik gemeint, die die scheinbar ungeordnete Folge der Bewusstseinsinhalte einer oder mehrerer Figuren wiedergibt. Bekannte Beispiele sind Les lauriers sont coupĂŠs von Ădouard Dujardin, Lieutenant Gustl von Arthur Schnitzler, Ulysses von James Joyce und Virginia Woolfs Die Wellen.
Contents
⢠Definition
⢠Technik
⢠Geschichte
⢠Bekannte Texte
⢠Siehe auch
⢠Literatur
⢠Weblinks
⢠Einzelnachweise
ââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââ
Definition
Urheber des Begriffs ist der Psychologe William James, der im Jahr 1890 die auf Charles S. Peircecite-ref-1[1] zurĂźckgehende Idee eines kontinuierlich ablaufenden, unverbundenen âBewusstseinsstromsâ vertrat.cite-ref-2[2] Dabei bezog er sich auf eine erzähltechnische Besonderheit des Romans Les lauriers sont coupĂŠs ("Geschnittene Lorbeeren", 1888) des franzĂśsischen Autors Edouard Dujardin.
Ausgehend von dieser Beschreibung haben sich zwei unterschiedliche Auffassungen herausgebildet, was mit stream of consciousness gemeint ist.cite-ref-3[3] Zugleich hat diese Unklarheit aber auch dazu gefĂźhrt, dass keine klare Definition des Begriffes Bewusstseinsstrom existiert und deswegen die Abgrenzung vom inneren Monolog nicht genau vorgenommen werden kann.
Die eine Auslegung sieht den Bewusstseinsstrom als psychologisches Phänomen, als âRohmaterialâ (W. G. MĂźller), das durch literarische Techniken lediglich in Schriftform gebracht werden soll. Entsprechend sind die freie innere Gedankenwiedergabe und der innere Monolog als Unterkategorien des Bewusstseinsstroms aufzufassen. Ein solcher Text versucht, die Wahrnehmungen, Gedanken, GefĂźhle und Reflexionen einer Erzählfigur subjektiv so wiederzugeben, wie sie ins menschliche Bewusstsein flieĂen. Der Bewusstseinsstrom wurde auch als die âRadikalisierung personalen Erzählensâ bezeichnet,cite-ref-4[4] da auch dort die Innenwelt der Figur kommentarlos präsentiert wird und der Erzähler aus dem Geschehen zurĂźcktreten soll.
In der anderen Bedeutung ist der stream of consciousness ein Erzählverfahren, das den inneren Monolog ßberspitzt und durch Aufgabe mehrerer Regeln und Kohärenzkriterien ein besseres Abbild des Bewusstseinsstroms erzielen mÜchte. Die nicht rational gesteuerten Bewusstseinsabläufe werden ohne ordnenden Erzähler und ohne Versuche, eine sprachliche oder inhaltliche Ordnung herzustellen, wiedergegeben. Oft wird dabei auch auf die Regeln des Satzbaus und der Grammatik verzichtet.cite-ref-5[5]
Abgrenzung vom Inneren Monolog
Häufig wird der Begriff synonym mit dem inneren Monolog verwendet, eine genaue Trennung hat sich nicht herausgebildet.cite-ref-6[6] Im englischen Oxford Dictionary of Literary Terms wird zwischen âpsychologischerâ und âliterarischerâ Verwendung differenziert. âIm psychologischen Sinne ist der Bewusstseinsstrom die Sache, während der innere Monolog die Technik ist, mit dem er präsentiert wird.â In der Literaturwissenschaft gelte, dass âwährend im inneren Monolog die Gedanken stets âunmittelbarâ, also ohne offensichtliche Eingriffe eines raffenden und auswählenden Erzählers erfolgen, dieser nicht notwendigerweise mit EindrĂźcken und Wahrnehmungen vermischt und die Regeln der Grammatik ebenso wenig verletzt wie die der Logik. Hingegen tut umgekehrt die Streamâofâconsciousness-Technik das eine oder andere oder beides.âcite-ref-7[7] Demnach lieĂe sich die Bewusstseinsstromtechnik als Unterform des inneren Monologs begreifen, die sich nicht an die Regeln erzählerischer Knappheit, Stringenz, Logik und Satzbau halte.
Technik
Die Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms besteht in der direkten Personenrede mit syntaktischer Unabhängigkeit, Verwendung des Präsens als Normaltempus und des Indikativ als Normalmodus. Zur Bezeichnung der denkenden Figur dient die erste Person, es wird also aus der Ich-Perspektive erzählt. Den entscheidenden Unterschied des Bewusstseinsstroms zur schlichten direkten Personenrede bilden Stil und Kontext: Es fehlen Verba credendi (z. B. âdachte ichâŚâ) und AnfĂźhrungszeichen, denn âPrinzip ist es, das Figurenbewusstsein selbst âsprechenâ zu lassen: Wahrnehmungen, Empfindungen, Assoziationen aller Art, Erinnerungen, Ăberlegungen, auch bloĂe Lautfolgen ohne ausdrĂźckliche AnkĂźndigung oder Eingriff einer Erzählinstanz âaufzuzeichnenâ.âcite-ref-8[8]
Sachverhalte, die der Figur selbstverständlich sind, etwa weil sie sie gerade ausfĂźhrt, werden nicht genannt und mĂźssen vom Leser selbst rekonstruiert werden. Ein etwaiger Erzählerbericht hat lediglich die Funktion, die Figur und ihren inneren Monolog in der AuĂenwelt zu situieren und damit einen Erzählrahmen zu schaffen, den die Figur nicht erzeugen kĂśnnte. Aber äuĂeres Geschehen ist nur als Anreiz und AuslĂśser innerer Prozesse wichtig. Ein weiteres Stilmerkmal ist die Aussparung von Information durch psychologisch-syntaktische VerkĂźrzung: Oft fallen Nomen, Personalpronomen oder finite Verbform aus, mitunter auch Artikel, Präpositionen und Konjunktionen. Auch greifen Bewusstseinsinhalte und -impulse frei assoziiert ineinander, so wie sie gerade ins Bewusstsein fallen. Sie sind nicht notwendigerweise linear chronologisch geordnet.
Geschichte
In mehreren literarischen Werken finden sich bestimmte Momente, die bereits auf den Bewusstseinsstrom hinweisen, so in dem auch in Deutschland sehr erfolgreichen Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman (1757) von Laurence Sterne, in der Geschichte Das verräterische Herz von Edgar Allan Poe und in An Occurrence at Owl Creek Bridge von Ambrose Bierce sowie Anna Karenina (siehe unten). Weiters wurden Werke von Henry James (Bildnis einer Dame) und Knut Hamsun (Hunger, 1892) als Vorläufer genannt.
1890 wurde erstmals der Begriff geprägt. Der US-amerikanische Psychologe William James verwendete ihn in seinem Hauptwerk The principles of psychology (New York: H. Holt and Company). Er beschrieb mit dem Begriff den Roman Les lauriers sont coupĂŠs des franzĂśsischen Schriftstellers Edouard Dujardin (1888 erschienen). Dieser Begriff bezieht sich aber nicht nur auf den bloĂen verbalen Vorgang, sondern beachtet auch sinnliche, beispielsweise visuelle, Wahrnehmungen. Während der Begriff erst 1918 wieder aufgegriffen wurde, fand Dujardins Text Nachahmer. Arthur Schnitzler las den Text von Dujardin, beurteilte aber das Thema als nicht passend gewählt und schrieb mit Lieutenant Gustl (1900) die erste deutschsprachige Erzählung, die ganz dem Bewusstseinsstrom folgt (Später verwendete er ihn noch einmal in Fräulein Else). Auch James Joyce und Virginia Woolf nannten Dujardin als Vorlage. Der Begriff stream of consciousness setzte sich erst ab dem Jahr 1918 durch, als er in einer Rezension der Autorin May Sinclair (1863â1946) Verwendung fand, um das Werk Pilgrimage von Dorothy Richardson (1873â1957) zu charakterisieren.
Der Romancier und Literaturwissenschaftler Vladimir Nabokov vertrat 1940 die Ansicht, im eigentlichen Sinne erfunden habe die literarische Technik des Bewusstseinsstroms (den er aber nicht vom inneren Monolog unterschied) Leo Tolstoi fßr seinen 1877/78 erschienenen Roman Anna Karenina: In Kapitel XXIX des siebten Teils zeichnet er die Gedanken seiner Protagonistin während einer Fahrt zum Bahnhof, wo sie Selbstmord begehen wird, unterschiedslos auf, ob es sich um Reflexionen ihrer ausweglos scheinenden Situation, Beobachtungen aus dem Fenster der Kalesche oder Reklametexte in den Moskauer Schaufenstern handelt.cite-ref-9[9]
Mit dem letzten Kapitel (âMollys Monologâ) des Ulysses (1921) schuf Joyce das prototypische Beispiel, das häufig zur Illustration der Bewusstseinsstromtechnik herangezogen wird. Der Roman endet mit:
âI was a Flower of the mountain yes when I put the rose in my hair like the Andalusian girls used or shall I wear a red yes and how he kissed me under the Moorish Wall and I thought well as well him as another and then I asked him with my eyes to ask again yes and then he asked me would I yes to say yes my mountain flower and first I put my arms around him yes and drew him down to me so he could feel my breasts all perfume yes and his heart was going like mad and yes I said yes I will Yes.â
âwo ich eine Blume des Berges war ja wie ich mir eine Rose ins Haar gesteckt hab wie die andalusischen Mädchen immer machten oder soll ich eine rote tragen ja und wie er mich gekĂźĂt hat unter der maurischen Mauer und ich hab gedacht na schĂśn er so gut wie jeder andere und hab ihn mit den Augen gebeten er soll doch nochmal fragen ja und dann hat er mich gefragt ob ich will ja sag ja meine Bergblume und ich hab ihm zuerst die Arme um den Hals gelegt und ihn zu mir niedergezogen daĂ er meine BrĂźste fĂźhlen konnte wie sie dufteten ja und das Herz ging ihm wie verrĂźckt und ich hab ja gesagt ja ich will Ja.â
â
James Joyce
:
Ulysses
Da der Bewusstseinsstrom keine reglementierte Technik ist, kann er bei jedem Autor andere charakteristische Merkmale tragen. Bei Joyce sind es zum Beispiel die verkĂźrzte Syntax, das persĂśnliche Idiom, willkĂźrliche Wortbildungen, Lautmalerei und Sprachspiele.
Die Technik des Bewusstseinsstroms fand besonderen Anklang im englischen und amerikanischen Modernismus, der sich im späten 19. Jahrhundert als Gegenbewegung zum literarischen Realismus und Naturalismus etablierte. Auch die Surrealisten taten etwas ganz Ăhnliches, ausgehend von Europa.
Der moderne Film und der Experimentalfilm blieben davon nicht unberĂźhrt, meist auĂerhalb des Mainstreams.
Bekannte Texte
BerĂźhmt fĂźr die Verwendung dieser Technik sind:
⢠Lew Tolstoi: Anna Karenina (1877/78)
⢠Ădouard Dujardin: Les lauriers sont coupĂŠs (1888)
⢠Knut Hamsun: Hunger (1890)
⢠Arthur Schnitzler: Lieutenant Gustl (1900)
⢠James Joyce: Ulysses (1921)
⢠Italo Svevo: Zenos Gewissen (1923)
⢠Alfred DÜblin: Berlin Alexanderplatz (1929)
⢠William Faulkner: Schall und Wahn (1929)
⢠Edlef KÜppen: Heeresbericht (1930)
⢠Alfred Andersch: Sansibar oder der letzte Grund (1957)
⢠Arno Schmidt: KAFF auch Mare Crisium (1960)
⢠Luis MartĂn-Santos: Tiempo de Silencio (1962)
⢠Rolf Dieter Brinkmann: Keiner weià mehr (1968)
⢠Gßnter Steffens: Die Annäherung an das Glßck (1976)
⢠Caroline Janice Cherryh: Pells Stern (1982)
Siehe auch
Literatur
⢠Dorrit Cohn: Transparent Minds: Narrative Modes for Presenting Consciousness in Fiction. 1978.
⢠Wolfgang G. MĂźller: Der BewuĂtseinsstrom im Roman und auf der BĂźhne. In: Amerikanisierung des Dramas und Dramatisierung Amerikas. Hrsg.: M. Siebald und H. Immel. Frankfurt am Main 1985, S. 115â129.
⢠Jochen Vogt: Aspekte erzählender Prosa. Eine Einfßhrung in Erzähltechnik und Romantheorie. 2. Auflage. Westdeutscher Verlag, Opladen 1998.
⢠Barbara Surowska: Die Bewusstseinsstromtechnik im Erzählwerk Arthur Schnitzlers. Warschau 1990.
⢠Ansgar Nßnning: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie: Ansätze-- Personen-- Grundbegriffe. Springer-Verlag, 2008, ISBN 978-3-476-05225-4 (google.at).
Weblinks
Wiktionary: Bewusstseinsstrom
â Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
⢠Informationen zum Bewusstseinsstrom. teachsam.de
⢠Website zu V. Woolfs The Waves. uah.edu
Einzelnachweise
cite-note-11. â Charles S. Peirce: Some Consequences of Four Incapacities. In: Journal of Speculative Philosophy 2 (1868), 140â157 = CP 5.289 [âKurz, das Unmittelbare (âŚ) flieĂt in kontinuierlichem Strom durch unser Leben; es macht die Gesamtheit des BewuĂtseins aus, dessen VermĂśgen, die seine Kontinuität ist, durch eine real wirksame Kraft zustande gebracht wird, die hinter dem BewuĂtsein steht.â] Zitiert nach: Karl-Otto Apel (Hrsg.): Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus. 2. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt 1976, S. 60.
cite-note-22. â William James: The Principles of Psychology. 2 Bände. Henry Holt and Company, New York 1890, hier Band 1, 336 [the âstreamâ of subjective consciousness]; ders. Psychology. Briefer Course (1892). Henry Holt and Company, New York 1907, 159 [âSuch words as âchainâ or âtrainâ do not describe it {the consciousness} fitly as it presents itself in the first instance. It is nothing jointed; it flows. A âriverâ or a âstreamâ are the metaphors by which it is most naturally described. In talking of it hereafter let us call it the stream of thought, of consciousness or of subjective lifeâ].
cite-note-33. â W. G. MĂźller: Bewusstseinsstrom. In: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie: Ansätze â Personen â Grundbegriffe. 5., aktualisierte und erw. Ausgabe. Stuttgart / Weimar 2013, S. 73â74.
cite-note-44. â Jochen Vogt: Aspekte erzählender Prosa: Eine EinfĂźhrung in Erzähltechnik und Romantheorie. Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-322-86591-5 (google.at).
cite-note-55. â W. G. MĂźller: Bewusstseinsstrom. In: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie: Ansätze â Personen â Grundbegriffe. 5., aktualisierte und erw. Ausgabe. Stuttgart / Weimar 2013, S. 73â74.
cite-note-66. â Jochen Vogt: Aspekte erzählender Prosa. Eine EinfĂźhrung in Erzähltechnik und Romantheorie. 2. Auflage. Westdeutscher Verlag, Opladen 1998, S. 191.
cite-note-77. â ed. Chris Baldick, Oxford U.P., Oxford 2009, S. 212.
cite-note-88. â Jochen Vogt: Aspekte erzählender Prosa. Eine EinfĂźhrung in Erzähltechnik und Romantheorie. 2. Auflage. Westdeutscher Verlag, Opladen 1998, S. 182â183.
cite-note-99. â Vladimir Nabokov: Lectures on Russian Literature. Hrsg.: Fredson Bowers. New York 1981, S. 117 f.; archive.org.
cite-note-101. Ăbersetzung von Hans Wollschläger